Sechs Merkmale, die Glashütter Uhrwerke so attraktiv machen

2022.08.17

Haben Sie schon einmal das Uhrwerk einer Glashütter Uhr gesehen? Selbst ohne Fachkenntnisse sind seine einzigartigen Konstruktions- und äußeren Merkmale faszinierend. Doch wenn Sie mehr über die Details erfahren, können Sie seinen Charme noch tiefer erfassen. In diesem Artikel stellen wir Ihnen sechs charakteristische Merkmale von Glashütter Uhrwerken vor.

Ursprünglich veröffentlicht auf WATCHTIME.NET
Text von Alexander Krupp
(Artikel veröffentlicht am 17. März 2022)

6 Merkmale der Glashütter Uhrwerke

Dreiviertelplatte

Kaliber L051.2

Das Handaufzugskaliber L051.2 von A. Lange & Söhne zeichnet sich durch viele Merkmale eines in Glashütte gefertigten Uhrwerks aus, darunter eine Dreiviertelplatine, verschraubte Goldchatons, Glashütter Streifen, Glashütter Sonnenschliff, handgravierter Unruhkloben und ein Schwanenhalsregler.

 Viele einfache, handaufgezogene Glashütter Uhrwerke ohne Komplikationen verfügen über eine Dreiviertelplatine. Dies bezieht sich auf das Verhältnis der oberen Platine zur Grundplatine; sie bedeckt nicht unbedingt exakt drei Viertel des Uhrwerks, sondern meist weniger. Die obere Platine, auf der alle wichtigen Zahnräder sitzen, hält jede Achse in ihrer korrekten Position, mit Ausnahme des Unruhklobens, der den Regler beherbergt. Ob der Aufzugsmechanismus sichtbar ist oder nicht, spielt hierbei keine Rolle.

 Die Ursprünge dieser Konstruktion gehen auf Ferdinand Adolph Lange zurück, der 1845 in Glashütte mit der Uhrenherstellung begann. Ferdinand Adolph Lange verbrachte fast 20 Jahre mit ihrer Entwicklung und vergrößerte die obere Platine in mehreren Schritten, bis sie 1864 drei Viertel der Oberfläche des Uhrwerks bedeckte.

Kohaze im Glashütter Stil

Kohaze im Glashütter Stil

Ein Union-Taschenuhrwerk von 1908 mit gebogenem, typischem Glashütter Klick.

 Der Glashütter Klickmechanismus, ein Bestandteil des Aufzugsmechanismus, unterscheidet sich von Schweizer Aufzugsmechanismen durch seine lange, gebogene Klickfeder. Beim Aufziehen der Krone dreht sich das Sperrrad auf dem Federhaus und greift in die Feder ein. Dadurch entsteht das bekannte Aufzugsgeräusch. Ohne die Klickfeder würde die Zugfeder erschlaffen und könnte nicht aufgezogen werden.

 Eine am Rand des Uhrwerks angebrachte Feder drückt fest gegen das Sperrrad und verhindert so, dass sich Sperrrad und Federhaus in entgegengesetzte Richtungen drehen. Dadurch wird ein zuverlässiges Aufziehen der Zugfeder gewährleistet. Die Form dieser großen, gebogenen Feder ist ein charakteristisches Merkmal der Glashütter Uhrwerke. Ihr ansprechendes Design macht sie in vielen Handaufzugswerken ohne zusätzliche Mechanismen besonders auffällig. Außerhalb von Glashütte ist die Feder oft kurz, klein und unauffällig; in manchen Fällen verschmilzt sie sogar mit der Sperrklinke und ist daher kaum sichtbar.

Glashütte Sonnenstrahl

Glashütte Sonnenstrahl

Eine um 1895 in Glashütte gefertigte Taschenuhr. Das Glashütter Sonnenschliffmuster ist hauptsächlich auf dem Sperrrad zu erkennen.

 Auch der Aufzugsmechanismus weist eine besondere Verzierung auf: den Glashütter Sonnenschliff. Diese Verzierung findet sich üblicherweise auf größeren Zahnrädern wie Sperrrädern, aber auch auf kleineren Teilen wie der Krone. Es handelt sich um eine feine Linie, die von innen nach außen verläuft und – anders als die geraden Linien eines Sonnenschliffs – aus Kurven besteht. Sie kann als Linie vom Mittelpunkt zum Rand eines Kreises verlaufen oder als Stufenmuster konzentrischer Kreise ausgebildet sein. In beiden Fällen scheinen sich die Lichtreflexe je nach Lichteinfall kreisförmig zu bewegen.

Verschraubte Goldchatons

Gold Chaton

Goldene Chatons sind typisch für Uhrwerke von A. Lange & Söhne und anderen Glashütter Marken.

 Chatons sind Metallringe, die Edelsteine ​​wie Rubine halten und die Drehung der Zahnradwelle unterstützen. In Glashütte werden Chatons aus Gold gefertigt und oft mit zwei oder drei gebläuten Schrauben befestigt. Die Kombination aus Gold, Blau und dem Rot der Rubine verleiht dem Uhrwerk zusammen mit der Vielzahl der Komponenten eine luxuriöse Anmutung. Dieses einzigartige Erscheinungsbild ist bezeichnend für die historische Ästhetik Glashüttes, da es dort – wie in der Schweizer Uhrwerksfertigung üblich – einfach war, Rubine direkt in die Grundplatine einzupressen.

Gravierter Unruhkloben

Seite 58

Das Glashütte Original Kaliber 58 zeichnet sich durch eine elegante Gravur auf dem Unruhkloben und zwei konzentrische Glashütter Sonnenschliffmuster auf dem Sperrrad aus.

 Ein weiteres charakteristisches Merkmal der Glashütter Uhrwerke ist der gravierte Unruhkloben. Dieses Bauteil, das Unruh, Spirale und andere Reguliermechanismen hält, ist häufig mit einem dekorativen Blumen- oder Pflanzenmotiv verziert. Aufgrund seiner komplexen Form wird die Gravur oft von Hand ausgeführt und anschließend vergoldet. Der Unruhkloben ist meist mit einer gebläuten Schraube befestigt.

Feineinstellvorrichtung für die Geschwindigkeit des Schwanenhalses

Seite 65

Foto: René Gaens
Im Kaliber 65 von Glashütte Original wird ein Unruhkloben mit doppelter Schwanenhals-Feinjustierung eingebaut.

 Ein typisches Glashütter Uhrwerk verfügt über einen Schwanenhals-Feinregler, der an einem gravierten Unruhkloben befestigt ist. Diese ästhetisch und technisch ansprechende Konstruktion besteht aus einem Regler, der auf die Unruhspirale wirkt, einer langen, gebogenen Feder, die Druck auf den Regler ausübt, und einer Federjustierschraube. Die Feder wird als Schwanenhals bezeichnet, da sie einem Schwanenhals ähnelt. Durch die Befestigung dieses Bauteils am Regler, der die Zeit einstellt, wird dessen Stabilität erhöht und eine feinere Justierung ermöglicht.

 Die von Glashütte Original eingeführte doppelte Schwanenhals-Feinverstellvorrichtung geht noch einen Schritt weiter und fügt eine zusätzliche Schwanenhalsfeder hinzu, um den Eingriff zwischen Hemmungsrad und Palettengabel zu optimieren und so eine noch größere Präzision zu erreichen.

 Mühle-Glashütte verwendet seinen eigenen Woodpecker-Regler, der mit einer Feder arbeitet, die sich weniger stark ausdehnt als herkömmliche Federn, um im Falle eines Aufpralls zusätzliche Sicherheit zu gewährleisten.

Spechtregulator

Mühle-Glashütte-Unruhkloben mit Woodpecker-Reglage.

Der Wert von „Made in Glashütte“

 Neben ihren einzigartigen regionalen Merkmalen sind Glashütter Uhrwerke weltweit für ihre Ästhetik und hohe Qualität bekannt. Zu den bereits erwähnten Merkmalen zählen abgeschrägte Kanten, polierte Oberflächen, gravierte Schriftzüge (manchmal mit Goldfüllung) und gerade Streifen. Diese Streifen sind in Sachsen als Glashütter Streifen bekannt, ähnlich den Genfer Streifen. Die Kombination dieser weltweit anerkannten Merkmale mit den unverwechselbaren Eigenschaften Glashüttes macht die sächsische Uhrmacherkunst noch begehrenswerter. Entscheidend ist weniger, was in Glashütte erlaubt ist, sondern vielmehr, was vor Ort geschieht. Seit Februar 2022 sind alle Uhren aus dieser kleinen sächsischen Stadt durch die geschützte Ursprungsbezeichnung geschützt. Diese Regelung verleiht der Bezeichnung „Glashütte“ einen besonderen Status im EU- und deutschen Markenrecht.

 Nur Unternehmen, die mehr als 50 % ihrer Uhrwerke in Glashütte fertigen, dürfen die Bezeichnung „Glashütte“ tragen. Zu den Marken, die ihre Uhrwerke selbst herstellen, gehören A. Lange & Söhne, Glashütte Original, Moritz Grossmann, Nomos und Tutima. Weitere in Glashütte ansässige Marken, die Uhrwerke von externen Zulieferern beziehen und 50 % ihrer Wertschöpfung selbst übernehmen, sind Mühle Glashütte, Union Glashütte und Wempe.


Wir sprachen mit Uwe Arendt, CEO von Nomos, einer der größten Marken aus Glashütte, über die wachsende Bedeutung von „Made in Glashütte“.

http://www.webchronos.net/features/81089/
Die Geschäftsführerin von Moritz Grossmann, Christine Hutter, ist sowohl Managerin als auch Uhrmacherin.

http://www.webchronos.net/features/79617/
Warum wird das ETA 7750 in so vielen mechanischen Chronographen verwendet? Der Schlüssel liegt in seiner hocheffizienten Konstruktion.

http://www.webchronos.net/features/81612/