Mit der Octo Finissimo hat Bvlgari nicht nur sieben Weltrekorde für die flachsten Uhren aufgestellt, sondern auch eine neue Ästhetik geschaffen. Dieser Erfolg ist selbstverständlich auf Innovationen in Design und Uhrwerk zurückzuführen. Wie kam es zu diesem Zusammenspiel von Ästhetik und Technik? Um dies besser zu verstehen, sprachen wir mit Fabrizio Bonamassa Stigliani, Executive Director of Bvlgari Product Creation, und Alfred De Beers, Projektmanager für das Spezialwerk.

Text von Pierre Maillard
Artikel veröffentlicht am 11. Juli 2022
Wie kam die Idee zu Octo Finissimo zustande?
Fabrizio Bonamassa Stigliani (FB): Manchmal entstehen die Ideen als völlig originelle Linienzeichnungen, manchmal als Rekonstruktion von etwas Vergangenem. So wurde die Octo Finissimo geboren. Nachdem die Werkstatt von Daniel Roth und Gérald Genta Ende 1999/Anfang 2000 in Bvlgari integriert wurde, interessierten wir uns für die von Gérald Genta entworfene Octo. Daraufhin brachten wir 1994 die Octo Finissimo Tourbillon Manual auf den Markt, die für großes Aufsehen sorgte.
Zwischen 2002 und 2003 konzentrierten wir uns in Zusammenarbeit mit externen Designern vorwiegend auf Zifferblatt und Gehäuse. Besonders interessierte uns die Form der Uhr, da die achteckige Form eng mit der Geschichte von Bvlgari verbunden ist, insbesondere mit der Monete aus den späten 1960er-Jahren. Während der Ära Genta/Roth lag der Fokus des Uhrendesigns jedoch auf Luxus und Farbe. 2004 präsentierten wir die erste Version der „neuen“ Octo, die „Bi-Retro“, die in Kooperation mit Gérald Gentas Werkstatt in Le Sentier entwickelt wurde. Dieses Modell zeichnete sich durch Komplikationen, eine retrograde und eine springende Stundenanzeige sowie ein luxuriöses Cloisonné-Zifferblatt aus.

Als wir jedoch darüber nachdachten, Octo mit einem einfachen Dreizeigerwerk auszustatten, entdeckten wir das volle Ausmaß der unglaublichen Fähigkeiten der Werkstatt Le Sentier wieder und begannen, uns eine Zukunft für Octo Finissimo vorzustellen, die italienische Designcodes mit Schweizer Uhrmacherkunst verbindet.
Obwohl der Name Bvlgari 2010 erstmals zusammen mit der Genta auftauchte, wurde die neue Generation der Octo erst 2012 lanciert. Die Uhr behielt ihre achteckige Form bei, wurde aber modifiziert: Abgeschrägte Kanten betonen die Optik, und polierte sowie satinierte Oberflächen sorgen für verbesserte Lichteffekte. Auch das Zifferblatt wurde komplett neu gestaltet und verfügt nun über eine schwarze Lackbasis mit übergroßen 12- und 6-Uhr-Markierungen sowie schmalen Stundenmarkierungen. Dies war die erste Revolution. 2013 wurde eine Edelstahlversion mit Edelstahlarmband eingeführt, während das Unternehmen weiterhin ultraflache Modelle entwickelte.
Alfred De Beers (ADB): Ich hatte bereits mit Gérald Genta an der Entwicklung von Uhrwerken gearbeitet, und er kannte das Potenzial von Bvlgari sehr gut. Als wir den Auftrag erhielten, das dünnste Uhrwerk der Welt zu entwickeln, war das eine enorme Herausforderung. Um ein möglichst dünnes Uhrwerk zu realisieren, mussten wir jeden Zehntelmillimeter einsparen. Der Vorteil des Octo-Gehäuses liegt in seiner achteckigen Form, die ihm eine große Größe verleiht. Dadurch konnten wir wertvolle Zehntelmillimeter einsparen, was schließlich zum Weltrekord führte. Die nächste Herausforderung bestand darin, ein so flaches Uhrwerk in ein elegantes, architektonisch anmutendes Gehäuse einzubauen.
Europa Star (ES): Und so wurde 2014 die Octo Finissimo Tourbillon Manual mit dem weltweit flachsten Handaufzugswerk für fliegendes Tourbillon vorgestellt. Dies stellte nicht nur einen Weltrekord auf, sondern begründete auch eine völlig neue Designrichtung und sorgte in der Uhrenindustrie für Furore.
FB: Das völlig flache, graue Platingehäuse und -zifferblatt waren ein Novum in der Welt der Luxusuhren. Diese ultraflache Uhr revolutionierte die Art und Weise, wie wir komplizierte Uhren trugen. Ich denke, das allein war schon ein Schock. Paradoxerweise war es gerade dieser radikale Ansatz, der sie so besonders machte. Sie beschritt neue Wege. Dass sie eine unverwechselbare, sofort erkennbare Form etablieren konnte, verdankte sie der einheitlichen Farbe. Wie vor allem in der monochromen Kollektion zu sehen, betonte die einheitliche Farbe die markante, mehrschichtige Struktur des Gehäuses. Zifferblatt und Gehäuse bilden eine Einheit.
ES: Seitdem haben Sie jedes Jahr eine rekordverdächtige Uhr auf den Markt gebracht, was wie ein sorgfältig kalkulierter Versuch wirkt!
ADB: Ja, wir haben ein detailliertes Programm, das noch läuft. Die Entwicklung jedes Uhrwerks dauert drei bis vier Jahre. Wir achten auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Design und Uhrmachertechnik und trennen die beiden Bereiche nicht voneinander. Wir arbeiten gemeinsam an den Details des Uhrwerks, beispielsweise an den Brücken. Es gibt immer einen ständigen Austausch zwischen Design und Entwicklung: „Ja, das können wir“ und „Nein, das können wir nicht“. Wir diskutieren und entscheiden, was funktional und was optional ist.
Welche Herausforderungen birgt die Entwicklung einer ultradünnen Uhr?
FB: Im Jahr 2016 brachten wir die Octo Finissimo Minute Repeater auf den Markt, die uns mit einem nur 3.12 mm dicken Minutenrepetitionswerk unseren zweiten Weltrekord einbrachte. Sie vereint radikales Design und technische Lösungen.
ADB: Die Minutenrepetition aus Platin stellte zweifellos eine besondere Herausforderung dar. Die Lösung, bei der das Uhrwerk von der Rückseite aus geschlagen und der Klang durch skelettierte Stundenmarkierungen verstärkt wurde, war eng mit dem Design verknüpft. Im darauffolgenden Jahr, 2017, brachten wir die Octo Finissimo Automatic auf den Markt, die einen dritten Weltrekord aufstellte. Mit nur 5.15 mm Dicke war sie die flachste Automatikuhr auf dem Markt, ihr Uhrwerk misst lediglich 2.23 mm. Diese Uhr verfügte über einen Mikrorotor aus Platin.
FB: Die Octo Finissimo Automatic besaß zudem das dünnste Armband auf dem Markt. Mit der Octo Finissimo wollten wir mehr als nur eine Komplikation bieten. Bis dahin gab es in der Kategorie der ultradünnen Uhren keine, die sich für den Alltag und jede Umgebung eignete. Wir strebten nach maximaler Schlichtheit – Stunden, Minuten und kleine Sekunde – und einer unverwechselbaren visuellen Identität. Das Interessante an der Uhrmacherkunst, die sowohl in Italien als auch in der Schweiz anzutreffen ist, liegt darin, dass es in Italien einfacher ist, mit den Konventionen der Uhrmacherei zu brechen. Man ist dort nicht an historische Vorgaben gebunden. Die Schweizer hingegen verfügen über das technische Können, nach Höherem zu streben und ihre Ideale zu verwirklichen.


Es scheint, dass die gelungene Verbindung von Design und technischer Kompetenz den Weg geebnet hat.
ADB: Der vierte Weltrekord wurde 2018 mit der Octo Finissimo Tourbillon Automatic aufgestellt, die über einen peripheren Rotor verfügte. Dieses Merkmal ermöglichte nicht nur einen freien Blick auf das automatische Tourbillon, sondern war auch eine technische Notwendigkeit für die Entwicklung des flachsten automatischen Chronographen. Der fünfte Rekord folgte 2019 mit dem Octo Finissimo Chronograph GMT Automatic, dessen Uhrwerk nur 3.3 mm dick ist. Der periphere Rotor erlaubte zudem den Einbau eines Säulenrads und einer horizontalen Kupplung.
FB: Dieser Chronograph ist aus satiniertem, grauem Titan gefertigt und besticht durch ein völlig neues Zifferblattdesign. Der 24-Stunden-Zähler bei 3 Uhr wird über einen Drücker an der Gehäuseseite bei 9 Uhr eingestellt. So können Sie Start- und Zielzeit erfassen. Der Drücker ist perfekt in das achteckige, mehrschichtige Gehäusedesign integriert. Unser Ziel bei der Entwicklung der Octo Finissimo war es, eine vertraute GMT-ähnliche Funktion mit Design- und technischen Lösungen zu kombinieren und so eine ultraflache Uhr zu schaffen. Die Berücksichtigung dieser beiden Aspekte war das Geheimnis unseres Erfolgs. Zahlreiche Auszeichnungen bei Uhren- und Designwettbewerben belegen dies eindrucksvoll.
ADB: Ich glaube, der Erfolg dieser aufeinanderfolgenden Herausforderungen ist auch den signifikanten Verbesserungen im Bereich der industriellen Formen zu verdanken. Diese Entwicklung wurde parallel zum Erfolg der ultradünnen Linie gefestigt und belebt. Die Produktionsanlagen von Genta/Roth, die zuvor fast ausschließlich komplexen Modellen gewidmet waren, wurden ebenfalls industrialisiert, und die Produktion stabilisierte sich. Das eine ist ohne das andere nicht möglich. Dieser Erfolg wurde durch unsere Beherrschung komplexer Mechanismen ermöglicht, aber dieses Design wäre ohne unseren lateinamerikanischen Erfindergeist nicht denkbar gewesen.
ES: Und Sie haben diesen Weg fortgesetzt und polierte und sandgestrahlte Keramik mit Roségold und Edelstahl kombiniert – mit der Octo Finissimo S Automatic, Ihrem sechsten rekordverdächtigen Octo Finissimo Tourbillon Chronograph Skeleton Automatic und Ihrem siebten Octo Finissimo Perpetual Calendar. Ist das eine Meisterleistung von Bvlgari?
ADB: Virtuosität ist für uns nicht Selbstzweck. Die Komplikationen der Octo Finissimo richten sich an anspruchsvolle Kenner und setzen neue Maßstäbe für diese Zielgruppe. Unterschiedliche Materialien – Keramik, sandgestrahltes Roségold zum Beispiel – verändern das Erscheinungsbild der Octo Finissimo grundlegend. Jedes Stück fühlt sich anders an, doch das Design gewinnt mit jedem Moment subtil an Intensität. Es ist daher kein Zufall, dass sie die Aufmerksamkeit design- und architekturbegeisterter Menschen auf sich zieht. Vor allem aber hat die Octo Finissimo unserer Meinung nach die Wahrnehmung der Marke Bvlgari grundlegend verändert. Unsere Wurzeln liegen fest im Schmuckbereich, der uns zweifellos kreative Kraft und Freiheit schenkt. Er hat uns auch zu Meisteruhrmachern gemacht, die bereit sind, neue Wege zu gehen. Genau aus diesem doppelten Innovationsprozess – Design und Technologie – erwächst die wahre Evolution von Bvlgari.


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