Nahaufnahme der IWC 24 Hours: Ein Blick auf die menschliche Kraft, die Qualität schafft

2019.12.16

IWC feierte 2018 sein 150-jähriges Jubiläum.
Es gibt viele traditionsreiche Schweizer Unternehmen, doch IWC zeichnet sich durch seine Beständigkeit aus, obwohl es weder ein Familienunternehmen noch ein unabhängiges Unternehmen ist. Warum konnte IWC über Jahre hinweg hochwertige Uhren in Serie produzieren? Der Schlüssel liegt im herausragenden Ausbildungssystem und den menschlichen Qualitäten der Mitarbeiter.

Fotos von Yu Mitamura
Film von Kô Oda
Interview und Text von Masayuki Hirota (Chronos-Japan)


Die menschlichen Fähigkeiten erforschen, die Qualität schaffen

Uhrenmontageabteilung [Schaffhausen]
Im Ostflügel des Werks in Schaffhausen befindet sich die Gehäuseabteilung. Dort arbeiten 46 Mitarbeiter, 30 davon sind in der Gehäusefertigung tätig. David Moragon überwacht diesen Prozess. Die Endmontage mag unscheinbar wirken, ist aber entscheidend für die ästhetische Wirkung einer Uhr. Andere Hersteller montieren Zifferblatt und Zeiger am fertigen Uhrwerk und setzen dieses anschließend in das Gehäuse ein. Die Gehäuseabteilung von IWC hingegen montiert auch die Rotoren von Automatikwerken. Vor der Montage wird das Uhrwerk auf Kratzer und Verschmutzungen geprüft. Sind keine Mängel vorhanden, wird der Rotor eingesetzt. Dieselben hohen Standards für Kratz- und Staubfreiheit gelten auch für die Uhrwerke. Eine weitere Spezialität von IWC ist die präzise Montage der Zeiger. Je nach Größe des Uhrwerks werden zwei verschiedene Werkzeuge verwendet, um Sekunden-, Minuten- und Stundenzeiger zu montieren. Die Zeiger werden nicht nur perfekt auf dem Zifferblatt ausgerichtet, sondern je nach Modell werden die Zeigerspitzen sorgfältig gebogen, um ein Verbiegen und Berühren oder gar Überragen der Indizes zu verhindern. Für diese Arbeit ist eine einjährige Ausbildung erforderlich.

Stefan Ihnen

Stefan Ihnen [Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung]
Stefan Ihnen, Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung, ist ein Ausnahmetalent bei IWC. Ursprünglich Uhrmacher, arbeitete er in der Uhrwerksentwicklung, bevor er im September 2006 zum Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung befördert wurde. „Der Unterschied zwischen IWC und anderen Unternehmen liegt in unserem Standort. Wir befinden uns weitab vom Westen der Schweiz, wie eine Insel im deutschsprachigen Teil des Landes. Deshalb ist unser Ansatz in der Uhrmacherei ganz anders. Er ist direkter, technischer und stärker von der Kultur dieser Region geprägt. Gleichzeitig hat uns aber auch unsere Geschichte beeinflusst, die industriellen Wurzeln, die unser Gründer Florentine Ariosto Jones sowie Albert Pellaton und Kurt Klaus gelegt haben. Das ist der große Unterschied und das, was uns von anderen Marken abhebt.“ Nach seinem Abschluss an der Uhrmacherschule trat Ihnen vor 15 Jahren in die IWC ein. Andere Uhrmacher würden sich langweilen und weiterziehen. Warum ist er bei IWC geblieben? „Bei IWC gibt es immer Projekte und Möglichkeiten, sodass mir nie langweilig wird. Es ist immer noch interessant.“

 Bevor ich Uhrenjournalist wurde, war ich IWC-Sammler. Ich würde mich zwar nicht als Sammler bezeichnen, aber ich war definitiv ein Fan. Rund zehn Jahre später bin ich nun in der Uhrenbranche tätig. Ich bemühe mich, in meinen Artikeln über alle Hersteller so unvoreingenommen wie möglich zu sein, aber ich kann nicht leugnen, dass ich IWC gegenüber etwas nachsichtig bin.

 Meine Sammlung besteht allerdings aus alten IWC-Uhren. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht für aktuelle IWC-Uhren interessiere; im Gegenteil, ich mag ihre aktuellen Modelle genauso gern. IWC war schon immer ein seriöses Unternehmen, und das gilt auch für die Mitarbeiter. Anders gesagt: Selbst das Wesen der Uhren, die sie herstellen, ist nach wie vor dasselbe, auch wenn sich das Design verändert hat und ihr öffentliches Image glamouröser geworden ist.

 Albert Pellaton war von den 1940er- bis in die 1960er-Jahre Chefdesigner bei IWC. Er ist bekannt für die Entwicklung des sogenannten „Pellaton-Automatikaufzugs“. Während seiner Zeit im Unternehmen hatte er stets ein offenes Ohr für die Meinungen anderer. Ich glaube, er hat die Unternehmenskultur von IWC maßgeblich geprägt. IWC-Mitarbeiter müssen Verantwortung für ihre Arbeit übernehmen und aufmerksam zuhören. Viele Schweizer und Schweizer Uhrmacher teilen diese Einstellung. IWC ist jedoch wohl der einzige Hersteller, der diese Unternehmenskultur unternehmensweit etabliert hat. Es mag eine sentimentale Erinnerung sein, aber ohne diese Erfahrung wäre ich wohl nie mehr als zehnmal in die Schweiz gereist. Ist es nicht die Stärke der Menschen, die dort arbeiten – damals wie heute –, die IWC so erfolgreich gemacht hat?

Forschungs- und Entwicklungsabteilung [Schaffhausen]
Im obersten Stockwerk des Hauptgebäudes befindet sich die Forschungs- und Entwicklungsabteilung, die für die Gestaltung von Interieurs und Exterieurs zuständig ist. Sie wird von Stefan Ihnen geleitet. Neben Uhrwerkdesignern beschäftigt die Abteilung auch Gehäusedesigner und Prototypenbauer. Im hinteren Bereich der Forschungs- und Entwicklungsabteilung wurde ein Uhrmacherarbeitsplatz eingerichtet, an dem Prototypen direkt nach der Konstruktion montiert werden können. Zum Zeitpunkt des Interviews war dort gerade ein Uhrmacher mit der Montage eines Prototyps beschäftigt. In den Regalen stehen Modelle, die zur Überprüfung der Funktionalität dienen. Der Einsatz von 3D-Druckern hat die Entwicklungsgeschwindigkeit weiter erhöht. Wie auf dem Foto zu sehen ist, verläuft ein langer Flur durch das oberste Stockwerk. Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung befindet sich im Vordergrund, die Designabteilung im Hintergrund. Es herrscht reges Treiben.


 Etwa eine Autostunde nördlich von Zürich liegt die kleine Stadt Schaffhausen direkt an der deutschen Grenze. Die Handelsstadt erlebte im Mittelalter dank des Wassertransports auf dem Rhein eine Blütezeit und entwickelte sich mit dem Bau von Kraftwerken, die die reichlich vorhandene Wasserkraft nutzten, zu einer Industriestadt. Viele große Unternehmen haben noch heute Niederlassungen und Fabriken in Schaffhausen, darunter das größte Unternehmen, IWC, mit einem Gebäude im Stadtzentrum.

 Das Unternehmen verfügt über drei Hauptgebäude: das Zentralgebäude, das 1875 fertiggestellt wurde, das Ostgebäude, das 2005 hinzugefügt wurde, und das Westgebäude, das 2008 fertiggestellt wurde.

 Im Ostflügel finden derzeit die Montage der Uhrwerke und die Gehäusefertigung statt. Zunächst befindet sich im dritten Stock die Gehäuseabteilung. Hier werden alle Gehäuse außer denen für Komplikationen gefertigt. 34 Uhrmacher sind hier beschäftigt. Besonders interessant ist die Art der Zeigermontage. Es gibt zwei Methoden: Bei Uhrwerken mit kleinem Durchmesser werden die Zeiger mit einer Handpresse eingepresst, bei größeren mit einer Druckluftpresse, die das Drehmoment regulieren kann. Obwohl immer mehr Hersteller die Zeiger automatisch montieren, wird dies nach wie vor manuell durchgeführt, da es sich für die Kleinserienfertigung mit hoher Produktvielfalt eignet. Fachkräfte sind erforderlich, aber David Moragon, Leiter der Montageabteilung, erklärt: „Sie beginnen ihre Tätigkeit nach einem Jahr Ausbildung.“

 Das Wort „Lehrling“ hört man bei IWC häufig. So heißt es beispielsweise: „Lehrlinge dürfen erst nach dem Erwerb der entsprechenden Fertigkeiten arbeiten“ oder „Die Lehrlingsausbildung dauert drei Jahre“. Die Idee, vor dem Berufseinstieg eine Berufsausbildung zu absolvieren, ist in Deutschland weit verbreitet und erfreut sich auch in der Schweiz zunehmender Beliebtheit. IWC, ansässig in der Deutschschweiz, blickt jedoch auf eine über 60-jährige Tradition zurück. Während die Montage eines Uhrwerks nachvollziehbar ist, erfordert selbst das Anpassen eines Gehäuses ein Jahr Ausbildung. Dies verdeutlicht den Reichtum des Unternehmens IWC.