Wir nehmen die Oyster Perpetual Land-Dweller, die Rolex 2025 ankündigte, genauer unter die Lupe. Besonders sehenswert ist die neue Dynapulse-Hemmung. Was genau ist diese Hemmung und wie hat sie die Welt der mechanischen Uhren revolutioniert? Masamasa Hirota, Chefredakteur von Chronos Japan und webChronos, liefert eine detaillierte und leicht verständliche Erklärung.

Fotos von Yu Mitamura
Masamasa Hirota (dieses Magazin): Interview und Schreiben
Text von Masayuki Hirota (Chronos-Japan)
Ein detaillierter Blick auf die neue Rolex Oyster Perpetual Land-Dweller von 2025
Die Genfer Uhrenmesse Watches & Wonders 2025 fand im April statt. Eines der Top-Themen war zweifellos die Rolex Oyster Perpetual Land-Dweller. Mit einem ins Gehäuse integrierten Armband – eine Premiere für das Unternehmen seit Langem –, einem nur 9.5 mm flachen Gehäuse und einer hohen Frequenz von 36.000 Halbschwingungen pro Stunde unterscheidet sie sich deutlich von früheren Rolex-Modellen. Noch bemerkenswerter ist jedoch das Herzstück dieser Uhr, das das Potenzial besitzt, die Definition mechanischer Uhren grundlegend zu verändern.

Automatischer Aufzug (Kal. 7135). 36.000 Halbschwingungen pro Stunde. Gangreserve ca. 66 Stunden. Gehäuse aus Platin (Durchmesser 40 mm). Wasserdicht bis 100 m. 9.427.000 Yen (inkl. MwSt.).

Automatischer Aufzug (Kal. 7135). 36.000 Halbschwingungen pro Stunde. Gangreserve ca. 66 Stunden. Gehäuse aus Edelstahl und 18-karätigem Gold (Durchmesser 40 mm). Wasserdicht bis 100 m. 2.255.000 Yen (inkl. MwSt.).
„Es könnte die Herstellung mechanischer Uhren verändern.“ Kal. 7135
Das im Land-Dweller verbaute Kaliber 7135 ist ein Rolex-Uhrwerk der neuesten Generation mit einer hohen Frequenz von 3 Halbschwingungen pro Stunde, einer langen Gangreserve und einem flachen Design. Die Grundstruktur entspricht der des Kalibers 7140, das 2024 vorgestellt wurde. Die Hemmung, das Herzstück einer mechanischen Uhr, ist jedoch mit der völlig neuen Dynapulse-Hemmung ausgestattet. Doch nicht nur das Herzstück ist neu. Design und Konstruktion des Kalibers 6000 setzen neue Maßstäbe für mechanische Uhren.

Ein Uhrmacher erforscht andere Hemmungsmechanismen als die Schweizer Hebelhemmung.
Aktuell verwenden die meisten mechanischen Uhren die klassische Schweizer Ankerhemmung. Obwohl diese einen hohen Antriebsverlust aufweist, ist sie sehr sicher, für die Massenproduktion geeignet und lässt sich für hohe Ganggenauigkeit justieren. In den letzten Jahren wurden zudem Anstrengungen unternommen, den Antriebsverlust durch den Einsatz leichter Siliziummaterialien und UV-LIGA-Hemmungen zu reduzieren. Gute Beispiele hierfür sind die Siliziumhemmungen von Patek Philippe und Breguet. Diese besitzen die gleiche Grundform wie eine Schweizer Ankerhemmung, erreichen aber durch die Verwendung leichterer Materialien eine lange Gangreserve und eine hohe Schwingungsfrequenz.

Inzwischen wandten sich einige Uhrenhersteller alternativen Hemmungssystemen zu, die nicht auf der Schweizer Ankerhemmung basieren. Eine dieser Hemmungen ist die in alten Marinechronometern verwendete Rasthemmung. Diese Hemmung ist (theoretisch) hocheffizient und bekannt für ihre Fähigkeit, die Ganggenauigkeit (hohe Isochronie) einer Uhr auch bei abnehmendem Drehmoment der Zugfeder und sinkendem Schwingungswinkel der Unruh zu gewährleisten. Rasthemmungen weisen jedoch Nachteile wie einen geringen Schwingungswinkel der Unruh, Stoßempfindlichkeit und Schwierigkeiten beim automatischen Anlaufen der Uhr nach dem Aufziehen der Zugfeder auf. Aus diesem Grund versuchten viele Hersteller in den 2000er-Jahren, neue Rasthemmungen zu entwickeln, scheiterten jedoch an deren Integration in Serienuhren. Beispiele hierfür sind die AP-Hemmung von Audemars Piguet und die Ellipse-Isometer-Hemmung von Jaeger-LeCoultre. Obwohl diese Hemmungen theoretisch hervorragend waren, eigneten sie sich nicht für die Massenproduktion mechanischer Uhren.
Es gab drei erfolgreiche neue Hemmungen. Eine davon ist die Co-Axial-Hemmung von Omega. Sie vereint die hohe Effizienz und den Isochronismus einer Rasthemmung mit der Sicherheit einer Schweizer Ankerhemmung und der Funktion des automatischen Starts beim Aufziehen der Zugfeder. Diese Hemmung, die aus mehreren überlappenden Zahnrädern besteht, hatte jedoch den Nachteil eines hohen Gewichts. Infolgedessen konnte die Rotationsbewegung der Hemmung bei erhöhter Unruhfrequenz nicht mit der Unruh mithalten. Daher hat Omega heute die Frequenz einiger seiner Co-Axial-Hemmungen von 28.800 Halbschwingungen pro Stunde auf 25.200 Halbschwingungen pro Stunde reduziert und das Drehmoment der Zugfeder durch Doppelfederhäuser und andere Mechanismen verstärkt. Während frühere Co-Axial-Hemmungen eher einer Rasthemmung ähnelten, sind die neuesten Versionen eher mit einer Schweizer Ankerhemmung vergleichbar.

Ein weiteres erfolgreiches Beispiel ist die Dual-Impulse-Hemmung von Grand Seiko. Obwohl sie vom Mechanismus her der Co-Axial-Hemmung ähnelt, ist sie effizienter, und die Verwendung einer UV-LIGA-Hemmung reduziert den Drehmomentverlust zusätzlich. Trotz der theoretisch schweren Hemmung erreichen Grand-Seiko-Modelle mit dieser Hemmung eine hohe Frequenz von 30.600 Halbschwingungen pro Stunde und eine lange Gangreserve von ca. 80 Stunden.

Welche natürliche Hemmung wählt Rolex?
Die von Rolex als Basis für dieses Uhrwerk gewählte Hemmung ist die natürliche Hemmung, die theoretisch die effizienteste ist. Sie wurde von dem berühmten Abraham-Louis Breguet erfunden. Er perfektionierte sie schließlich, und theoretisch war diese Hemmung extrem effizient, unempfindlich gegenüber Ölmangel und hätte selbst bei entspannter Zugfeder eine hohe Ganggenauigkeit gewährleisten sollen. Doch selbst Breguet, der sie entwickelt hatte, gab die Entwicklung einer natürlichen Hemmung auf. Der Hauptgrund dafür war, dass die Verwendung zweier Hemmungsräder zu hohen Antriebsverlusten in der Zugfeder führte. Zudem hatte die geringere Anfälligkeit für Ölmangel den Nachteil, dass Uhrwerke mit dieser Hemmung selbst bei aufgezogener Zugfeder nicht automatisch anliefen. Darüber hinaus funktionierte die Hemmung bei ungenauer Bearbeitung gar nicht. Dies wäre mit den damaligen Werkzeugmaschinen nur schwer zu realisieren gewesen.
Erst mit Ulysse Nardin wurde diese Hemmung der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Unternehmen präsentierte die doppelte Direkthemmung, eine moderne Version der natürlichen Hemmung. Durch den späteren Wechsel zu leichtem Silizium konnte die Leistung deutlich verbessert werden. Kari Voutilainen, dann Michel Navas und Enrico Barbasini folgten. Ihre neuen Hemmungen stellten gewissermaßen die Perfektionierung der klassischen natürlichen Hemmung dar. Auch die neue EBHP-Hemmung von FP Journe kann als moderne Interpretation der natürlichen Hemmung betrachtet werden.

Dass die natürliche Hemmung erst in jüngster Zeit wieder an Bedeutung gewonnen hat, liegt an den Fortschritten bei Materialien und Fertigungstechniken. Der Einsatz von Leichtbaumaterialien wie UV-LIGA-Bauteilen und Silizium beseitigte nicht nur das Gewicht, das zuvor ein Nachteil der natürlichen Hemmung war, sondern die hohe Fertigungspräzision modernster Werkzeugmaschinen ermöglichte auch die für sie unerlässliche Genauigkeit. Michel Navas und Enrico Barbasini, die die natürliche Hemmung für Laurent Ferrier fertigstellten, bestätigten mir: „Ohne neue Materialien und Technologien wäre die natürliche Hemmung nicht wiederentdeckt worden.“
Neue Materialien und Verarbeitungsmethoden haben die natürliche Hemmung wiederentdeckt. Allerdings erwies sie sich als Mechanismus für Armbanduhren als ungeeignet. Denn selbst bei aufgezogener Zugfeder lief die Uhr oft nicht automatisch. Daher sagen viele Uhrmacher: „Um eine Uhr mit natürlicher Hemmung in Gang zu setzen, muss man sie zunächst leicht schütteln.“
Die Probleme mit der natürlichen Hemmung, die Rolex gelöst hat
Nun zum Hauptthema. Die Dynapulse-Hemmung von Rolex basiert auf dieser natürlichen Hemmung. Darüber hinaus hat Rolex die Probleme bisheriger natürlicher Hemmungen theoretisch überwunden. Sie bietet hohe Effizienz und Isochronismus, und wie bei einer Schweizer Ankerhemmung startet das Uhrwerk automatisch, sobald die Zugfeder aufgezogen wird.
Den veröffentlichten Dokumenten zufolge plante Rolex ursprünglich eine extrem einfache Hemmung. Tatsächlich gilt: Je einfacher die Hemmung, desto effizienter ist sie. Rolex änderte das Design jedoch fast jährlich und entwickelte schließlich die Dynapulse-Hemmung, die man als eine Art „magisch modifizierte natürliche Hemmung“ bezeichnen könnte. Der Grund für diese häufigen Designänderungen lag vermutlich im Bestreben, die Funktion des Automatikwerks beim Aufziehen der Zugfeder zu perfektionieren und gleichzeitig die Sicherheit eines Schweizer Hebelmechanismus zu gewährleisten.

Es gibt mehrere mögliche Gründe, warum Rolex die natürliche Hemmung entwickelte, einen Mechanismus, der sich nicht für die Massenproduktion eignet. Einer davon ist die geringe Dicke. Bei guter Konstruktion benötigt die natürliche Hemmung weniger Bauhöhe als die Koaxialhemmung. Dadurch eignet sie sich für flache Uhrwerke. Ein weiterer Grund ist die hohe Effizienz. Wie von Breguet gewohnt, weist diese Hemmung theoretisch eine hervorragende Leistung auf. Andererseits hatte sie aber auch einige Nachteile.
Die wichtigste Verbesserung, die Rolex in seine neue Hemmung integriert hat, ist die sogenannte „Schlupffunktion“. Die Schweizer Ankerhemmung gilt nach wie vor als Industriestandard, unter anderem aufgrund dieser Funktion. Auch die Co-Axial- und Dual-Impulse-Hemmungen konnten erfolgreich in Serie gefertigt werden, weil sie die Schlupffunktion in die Hemmung integrierten. Dasselbe gilt für die neue Dynapulse-Hemmung.
Betrachtet man die Zahnräder dieser Hemmung, fällt die komplexe Form ihrer Zahnspitzen auf. Rolex verwendet Silizium als Hauptmaterial für die Hemmung – ein leichtes Material mit extrem hoher Oberflächenpräzision. Durch die spezielle Gestaltung der Zahnspitzen konnte eine Laufruhe erzielt werden, die bei herkömmlichen Hemmungen bisher als schwierig galt. Es ist reine Spekulation, aber mit dem ähnlich leichten UV-LIGA-Werk wäre dies vermutlich kaum möglich gewesen. Tatsächlich läuft das Kaliber 7135 mit dieser Hemmung bereits nach leichtem Aufziehen der Zugfeder so geschmeidig wie ein Uhrwerk mit Schweizer Ankerhemmung.

Das Auskuppeln des Ankerrades und dessen „Aufnehmen“ mit den Zahnspitzen ist übrigens ein Novum bei natürlichen Hemmungen. Der Nachteil ist jedoch die extrem komplexe Form der Hemmung und die deutlich höhere Präzision des Ineinandergreifens der Teile im Vergleich zu früheren Hemmungen. Diese neue Hemmung dürfte sich als schwierig von Hand montieren lassen. Zumindest wäre es für einen durchschnittlichen Uhrmacher unmöglich. Rolex hat sich dennoch für die Modifizierung der natürlichen Hemmung entschieden – ein theoretisch brillanter, aber in der Praxis äußerst schwieriger Ansatz.
Zynisch betrachtet, könnte die Dynapulse-Hemmung auf zwei Grand Seiko-Modelle zurückgehen. Das eine war mit Spring Drive ausgestattet, dessen Ganggenauigkeit die jeder mechanischen Uhr mit Federhaus übertrifft. Das andere war eine neue mechanische Uhr mit Dual Impulse-Hemmung. Trotz ihrer schweren Hemmungen müssen diese Uhrwerke mit ihrer hohen Frequenz von 36.000 Halbschwingungen pro Stunde und einer Gangreserve von rund 80 Stunden die Rolex-Ingenieure maßgeblich inspiriert haben. Dies ist reine Spekulation, aber es fällt schwer, sich einen anderen Grund für die Weiterentwicklung dieser Konstruktion vorzustellen.
Wird dies in Zukunft die Basisbewegung für die „Daytona“ werden?
Die lang erwartete Dynapulse-Hemmung und ihr flaches Kaliber 7135 wurden nun vorgestellt. Aktuell kommt sie nur in der Land-Dweller zum Einsatz. Dank ihrer kompakten Bauweise und hohen Leistung eignet sie sich jedoch hervorragend als Basiswerk für den neuen Cosmograph Daytona. Ihre flache Brücke ist sogar ideal für die Montage eines Chronographen.
Wie immer gibt Rolex keine Hinweise auf die Zukunft. Es steht jedoch außer Frage, dass das neue Uhrwerk mit der Dynapulse-Hemmung zum Kernkaliber der neuen Rolex-Ära werden wird. Und wenn seine hohe Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit anerkannt werden, wird sich die Zukunft mechanischer Uhren sicherlich grundlegend verändern.



