Ulysse Nardin ist eine Uhrenmarke, die einst für ihre Marinechronometer berühmt war und sich heute durch die Entwicklung einzigartiger Kollektionen etabliert hat. Welche Zukunft hat das Unternehmen vor sich? Wir haben Matthieu Averlin interviewt, der im Februar 2024 die Geschäftsführung übernahm.

[Artikel veröffentlicht am 12. Januar 2024]
Die Erwartungen an die Erweiterung der Kollektionen „Freak“, „Marine“, „Diver“ und „Blast“ sind hoch.
WatchTime:Die Ulysse Nardin Kollektion besteht aus vier Linien: Freak, Marine, Diver und Blast. Die neue Freak S Nomad wurde im Frühjahr 2024 veröffentlicht. Wie möchten Sie diese Kollektionen weiterentwickeln?
Matthieu Averlin:Wir beschäftigen uns aktuell mit verschiedenen Ansätzen. Zunächst möchten wir die Uhr so klein wie möglich gestalten. Wir wollen uns aber auch deutlich weiterentwickeln. Für die Freak gibt es eine Größenbegrenzung; ein Durchmesser von 36 mm oder 37 mm sähe nicht mehr gut aus, und es gibt auch technische Einschränkungen. Wir möchten das Gehäuse so klein wie möglich gestalten und dabei das gleiche Uhrwerk verwenden. Da es sich um ein strategisches Produkt handelt, werden wir, falls uns dies nicht gelingt, ein kleineres und flacheres Modell entwickeln.
Das führt zu unserer zweiten Strategie: Wir möchten mehr Kundinnen gewinnen. Dazu gehört nicht nur die Größe der Uhr, sondern auch ihre Ergonomie, sodass sie perfekt an schmale Handgelenke passt. Details wie das Armband spielen ebenfalls eine Rolle. Modelle wie die Ulysse Nardin Diver 44 sehen an Frauen toll aus, aber es gibt keine passenden Armbänder für Frauen. Das möchte ich ändern.

WatchTime:Welche Pläne haben Sie für die Weiterentwicklung von "Freak"?
Matthieu Averlin:Freak ist unsere wichtigste Produktlinie. Aktuell besteht sie aus Freak One, Freak S und Freak X. Meine Frage ist: Welche Produktlinie wird Ihrer Meinung nach nach Freak die nächste wichtige sein?

Automatischer Aufzug (Kal. UN-240). 15 Steine. 21.600 Halbschwingungen pro Stunde. Gangreserve ca. 72 Stunden. Gehäuse aus Titan und 18KRG (44 mm Durchmesser, 12 mm Dicke). Wasserdicht bis 30 m. 1122 Millionen Yen (inkl. MwSt.).
WatchTime:Ist es „Marine“?
Matthieu Averlin:Ganz genau. Die Marine hat also als nächstes Priorität. Wir möchten außerdem zeigen, dass Ulysse Nardin nicht mehr nur eine Marke für innovative Uhren ist. Wir fertigen seit unseren Anfängen komplexe Uhrwerke. In den ersten 30 Jahren nach unserer Gründung 1846 produzierten wir Taschenuhren mit Repetierwerk und Schleppzeigerchronographen. Unser Museum zeigt Uhren mit zehn Anzeigen auf einer Seite sowie frühe Uhren mit ewigem Kalender. In den darauffolgenden Jahrzehnten machte sich Ulysse Nardin mit Marinechronometern einen Namen.
Seit der Quarzrevolution der 1970er-Jahre hat Rolf Schneider ein Unternehmen mit nur zwei Mitarbeitern übernommen und Ulysse Nardin zu dem gemacht, was es heute ist. In Zusammenarbeit mit dem unabhängigen Uhrmacher Ludwig Oechslin perfektionierte er die astronomische Trilogie bestehend aus dem Galileo-Galilei-Astrolabe, dem Copernicus-Planetarium und dem Johannes-Kepler-Tellurium sowie den per Krone verstellbaren ewigen Kalender. Ulysse Nardin hat sich zudem zu einer Marke entwickelt, die innovative Materialien in der Uhrmacherei einsetzt. Ulysse Nardin war der erste Hersteller, der Silizium-Hemmungen in der Uhrenindustrie verwendete. Ich beabsichtige, diese bedeutende Geschichte in den kommenden Jahren noch stärker hervorzuheben, die auch einen wichtigen Hintergrund für die Marine bildete.

Automatikwerk (Kal. UN-119). 45 Steine. 28.800 Halbschwingungen pro Stunde. Gangreserve ca. 60 Stunden. Edelstahlgehäuse (42 mm Durchmesser). Wasserdicht bis 50 m. Weltweit auf 300 Stück limitiert. Preis: 2.156.000 Yen (inkl. MwSt.).
WatchTime:Was halten Sie von den beiden anderen Produktlinien, Diver und Blast?
Matthieu Averlin:Die Blast-Serie besticht nicht nur durch ihr Design. Zukünftig wird sie vor allem als Plattform für komplizierte Uhren dienen. Wir planen nicht, die Blast in die Freak-Linie zu integrieren, und die Marine-Linie wird eine klassischere Linie mit modernem Design sein.
Die Diver ist unsere Sportuhr. Wir möchten sie von einer reinen Taucheruhr zu einer vielseitigen Sportuhr weiterentwickeln. Eine Taucheruhr muss leicht, komfortabel, zuverlässig und gut ablesbar sein. Das Kautschukarmband passt perfekt zu dieser Uhr und schafft eine Verbindung zum Wasser.

Automatikwerk (Kal. UN-172). 25 Steine. 18.000 Halbschwingungen pro Stunde. Gangreserve ca. 72 Stunden. Gehäuse aus 18KRG und Titan (45 mm Durchmesser). Wasserdicht bis 50 m. Preis: 10.626.000 Yen (inkl. MwSt.).
WatchTime:Sammeln Sie selbst Uhren?
Matthieu Averlin:Ja, ich sammle Uhren seit meinem 15. Lebensjahr. Aber ich bin nicht der Einzige. Viele unserer Vertriebsmitarbeiter sind Sammler. Ich kaufe immer Uhren, die mir gefallen, auch von anderen Marken.

Automatikwerk (Kal. UN-118). 50 Steine. 28.800 Halbschwingungen pro Stunde. Gangreserve ca. 60 Stunden. Gehäuse aus 95 % recyceltem Edelstahl (44 mm Durchmesser). Wasserdicht bis 300 m. Preis: 2.090.000 Yen (inkl. MwSt.).
WatchTime:Können Sie mir einige Ihrer Uhren nennen?
Matthieu Averlin:Vor etwa zehn Jahren kaufte ich eine Patek Philippe Ref. 5960. Es ist ein wunderschöner Chronograph aus Edelstahl mit Jahreskalender. Ich hatte mir diese Uhr schon immer gewünscht und konnte sie mir in Hongkong endlich leisten. Ich besitze auch Uhren anderer Marken wie Audemars Piguet und Rolex, darunter einige Einsteigermodelle im Bereich von 1000 bis 2000 Schweizer Franken. In dieser Preisklasse gibt es viele kreative Alternativen.

WatchTime:Sammeln Sie auch Uhren von Ulysse Nardin?
Matthieu Averlin:Als ich vor sieben Jahren bei Ulysse Nardin anfing, hieß es, ich könne jede Uhr der Marke tragen, aber damals gefiel mir keine. Das ist heute völlig anders. Ich liebe es, Uhren zu entwickeln, hinter denen ich voll und ganz stehen kann. Meine erste Ulysse Nardin war eine Diver 44 aus Titan mit blauem Zifferblatt. Sie ist zwar eine Taucheruhr, aber was ich an ihr besonders schätze, ist, dass sie eine echte Sportuhr ist, die sich für jede Aktivität und jede Sportart eignet. Ich trage sie zum Schwimmen, Joggen, Tennisspielen und im Fitnessstudio. Meine zweite Uhr war eine Freak X aus Roségold. Sie ist meine Alltagsuhr.
Ulysse Nardin ist eine Gruppe von Uhrenliebhabern. Die meisten unserer Vertriebsmitarbeiter sammeln selbst Uhren, daher sind unsere Gespräche mit Kunden weniger geschäftsmäßig und dafür umso persönlicher. Wir lernen unsere Kunden kennen. Ich möchte diesen Punkt weiter ausführen. Ulysse Nardin sollte noch näher an den Endverbraucher heranrücken. Daran habe ich in den letzten Monaten intensiv gearbeitet.
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